16
Feb
2007

MY PHANTASMA IS MY CASTLE

(Ein Beitrag zur 'Erfahrungskunde')



"Eine Erfahrung ist das, was in unserem Gedächtnis haften bleibt und abrufbar ist und schließlich angewendet werden kann." (Wikipedia)

Dieser Definitionsversuch erscheint auf den ersten Blick in seiner Simplizität recht überzeugend.
Mich interessiert an dieser Stelle allerdings die etwas eingehendere Frage, wie es dem Gedächtnis überhaupt gelingen kann, Erfahrungen zu machen, d.h.abrufbar zu vernetzen und dann - situationsangemessen anzuwenden.

Siegmund Freud hat das menschliche Bewusstsein als eine Art psychologisches ‚Reizschutzsystem’ definiert:
Seiner Theorie folgend, ist 'Erfahrung' eben nicht mit dem bewussten Gedächtnis identisch, weil das Bewusstsein selbst zu sehr mit der Abwehr von 'Erlebnissen' beschäftigt sei.
In dieser Abwehr bestehe seine eigentliche Funktion und nicht in der Ver- und Aufarbeitung eines 'Erlebnisses', welches dann zu gegebener Zeit gleichsam die 'Reifeprüfung' absolviere und dadurch in den Rang einer 'Erfahrung' erhoben werde...
Diese 'Brain-Guards' erfüllen, nach Freud, also die Aufgabe, das Bewusstsein vor äußeren Reizen zu bewahren und nachhaltig zu schützen.
Diese Funktion sei umso wichtiger, als die zugrundeliegenden 'Reize' zunehmend in Gestalt eines ‚Schocks’ auftreten und als solche damit drohten, das Bewusstsein schlechterdings zu paralysieren...
(Auf die Spitze getrieben: Der Reiz von Ausschwitz....)
Der Schock selbst werde also durch diesen psychologischen Abwehrmechanismus nachdrücklich daran gehindert, in das Bewusstsein zu treten und sich dort in irgendeiner Form zu manifestieren:
Folgt man dieser Freud'schen Theorie - und ich sehe keinen Grund, es hier nicht zu tun - , dann wäre also das Bewusstsein selbst, als ein solches Reizschutzsystem, dafür verantwortlich, dass die menschliche Fähigkeit, ERFAHRUNGEN zu sammeln, so ungenügend ausgeprägt erscheint.
Verantwortlich dafür, ist das ’Reizschutzsystems’, welches dem Bewusstsein nicht die unmittelbare Aufnahme von Erinnerungsspuren an das zugrunde liegende ‚Erlebnis’ erlauben kann.

Ach! So ist das also...!

Jene sagenhafte Erfahrungslosigkeit, die in allen Bereichen unserer expandierenden Erlebniswelten zu beobachten ist, hat also durchaus Systemcharakter...!
Ein oberflächlicher Blick in die vorherrschende, also amerikanische Politik scheint das Freud’sche Bewusstseinsmodell zu bestätigen
Hier hat z.B. das ’Erlebnis’ Vietnam keineswegs seinen Niederschlag in ’Erfahrung’ finden können; in der ’Erlebnisskette’ der heutigen amerikanischen Geschichte bilden ’9/11’ und das andauernde Irakfiasko lediglich die jüngsten Glieder…
Aber auch in einem wesentlich kleineren Maßstab erscheint es beinahe unmöglich, ein 'ERLEBNIS' dergestalt in eine ’ERFAHRUNG’ zu verwandeln, dass dieser offensichtliche 'Lernprozess' auch eine überindividuelle Bedeutsamkeit erhalten kann:
Das profane, aber schmerzhafte taktile Erlebnis einer heißen Herdplatte etwa, mag sich für den, der es gemacht hat, zu einer körperlichen Erfahrung verdichten…
Schier unmöglich erscheint es jedoch bereits, diese Erfahrung so zu vermitteln..dass z.B. den eigenen Kindern das zugrunde liegende Schockerlebnis erspart bleiben kann...
Den kostbaren, hochprozentig erkenntniskritischen Stoff der 'Erfahrung' ohne Umwege aus einem 'Erlebnis' zu destillieren, ist dem Bewusstsein offensichtlich nicht ohne weiteres möglich!
Kein Grund jedoch, die Hände in den Schoß zu legen...
Auch in diesem Fall gibt es einen zweiten Weg, der sozusagen 'ums Gehirn herumführt'...
Selbst die tapfersten Recken der 'Reizschutztruppe' werden einmal müde und müssen schlafen...
Dem Schockerlebnis, zu dessen Abwehr diese Truppen unentwegt habacht stehen, kann es in Momenten der Unaufmerksamkeit gelingen, das Bewusstseins zu erstürmen und sich 'intra mures' als 'Erfahrung' festzusetzen.
Was aber sind das für Momente, die dem Erlebnis am Ende doch erlauben, sich als 'Erfahrung' zu verpuppen?
Physiologisch betrachtet sind es Zustände, in denen das besagte Reizschutzsystem nicht so funktioniert, wie es eigentlich sollte: eine natürliche Müdigkeit, ein Rauschzustand etwa..., ein allgemeines Nachlassen der Aufmerksamkeit können es außer Kraft setzen und zum Vergessen des 'Erlebnisses' führen....

Ist es aber einmal soweit, schlägt die Stunde der Erinnerung: Das dem Vergessen anheim gefallene Erlebnis wird in einem schwachen, unaufmerksamen Moment der wachhabenden Bewusstseinsinstanzen er-innert; es schlägt die Augen auf und gibt sich dem Bewusstsein gegenüber unmittelbar als 'Erfahrung' zu erkennen.
Die 'Erinnerung' ist derjenige Reflexionsmodus, der das Wasser des Erlebnisses in den Wein der Erfahrung verwandeln kann!
Zu jenem notwendigen Akt des Vergessens zählt selbstverständlich auch der psychische Mechanismus der 'Verdrängung'.
Die unbestreitbare Wirksamkeit der Psychoanalyse besteht ja eben darin, als 'Erfahrungskunde' zu fungieren. Sie ermöglicht heilsame (Selbst)Erfahrungen , indem sie den wehrlos auf einer Couch ruhenden Patienten nötigt, sich zu erinnern...

(In diesem Zusammenhang erscheint auch die Hypnose als ein 'billiges' Mittel, dessen Zweck darin besteht, das Reizschutzsystem des Bewusstseins auszuschalten...)

Wenn ich aber den Gedanken einer für die Erfahrung unabdingbaren Erinnerung weiterspinne, so kann auch der 'Neurotiker' sich dann als 'geheilt' betrachten, wenn es ihm gelingt, sein persönliches Phantasma einmal retrospektiv zu durchmessen.
Das Phantasma selbst kann dadurch nur an Kontur gewinnen und seinem kreativen 'Besitzer' schließlich sogar zum Stolz gereichen:
Gerne wird er immer wieder die mehr oder weniger komplexen Konstruktionspläne dieses Unikats vor dem möglicherweise befremdeten Leser aufrollen und mit allem Fug und Recht als seinen persönlichen Erfahrungsschatz ausgeben...


(Bei dieser Reaktion auf ein in der LUFT liegendes THEMA handelt es sich um einen 'Reprint'...)



DAS JUKETUBE ZUM TEXT:

Nothing has been proved....

http://www.youtube.com/watch?v=IZip7Y_IDqQ

Trackback URL:
http://walhalladada.twoday.net/stories/3329523/modTrackback

steppenhund - 16. Feb, 17:10

Au weh!

Jetzt muss ich meinen Beitrag zu Schlegel noch einmal überarbeiten.

Und ich hab's gewusst! Bevor ich noch den Satz über den Reprint gelesen habe.
Heute würde ich allerdings bereits die Definition in Wikipedia in der Luft zerreißen.
Nach der Definition von steppenhund geht es nicht darum, dass Erfahrung angewendet werden "kann", sondern darum, dass aufgrund des in der Erfahrung verpackten Wissens bestimmte Aktionen nicht mehr auftreten können! (im negativen Sinn) Die positiven Erfahrungen werden heute in der Berufswelt oft als "best practices" bezeichnet und sind, soweit ich es jetzt einmal provokant ausdrücken möchte, eine Verblödung eines ursprünglich ausgezeichneten Gedanken. Während "best practices" aus der Überlegung herrühren, dass man ein Problem schon einmal zufriedenstellend gelöst hat und daher bei neuem Auftreten wieder die gleiche Lösungsmethode favorisiert, wurden sie inzwischen vergewaltigt. Man verwendet "best practices" Methoden unüberlegt und immer, ohne sich Gedanken zu machen, ob sie für den betreffenden Fall überhaupt anwendbar sind.
-
Das Vietnam-Modell verstehe ich überhaupt nicht. Wo soll da die Erfahrung sein? Wer Erfahrungen gemacht hat, sind die Vietnam-Veteranen, die drüben waren. Das ist eine verschwindende Minderheit gegenüber der heutigen amerikanischen Bevölkerung. Wer sollte sonst Erfahrungen mit Vietnam gemacht haben. Allenfalls gibt es historisches Wissen. D a s i s t a b e r k e i n e E r f a h r u n g.
Dazu fehlt die sinnliche Wahrnehmung und die empfundenen Kosten.
Und deswegen kann es auch einen Kosovo-Krieg geben oder überhaupt Kriegshandlungen im ehemaligen Jugoslawien.

Da mich dieses Thema sehr stark interessiert und mich die IMHO falsche Darstellung laut Wikipedia reizt, entsteht für mich die Erfahrung, dass Wikipedia nur dann zu trauen ist, wenn die Information auch noch anderwertig zu validieren ist.

Meine Gesamteinschätzung von Wikipedia hat sich durch dieses eine Zitat grundlegend verändert. Nicht rückgängig zu machen - ein Tropfen Tinte in einen Eimer klares Wasser.

Ich stimme zu: nothing has been proved.

steppenhund - 16. Feb, 17:11

Nachtrag:
Ja und überhaupt:
Erfahrungen merkt man sich im Bauch und nicht im Hirn!
walhalladada - 16. Feb, 18:03

Ich denke auch!

Der Bauch ist im übertragenen Sinne der 'Austragungsort' von Erfahrung. Und mit Vietnam hast du natürlich ganz recht...die USA, als ein 'Staat' kann keinen 'Bauch' haben.
Von Wikipedia erwarte ich keine Wunder und schon gar nicht bei einem solch schwammigen Begriff..., aber man kann sich doch immer dort 'reiben' und auch 'suhlen'...
schad nix, wenn das Wasser ein wenig trüber wird:)

Aber ganz eigentlich will ich doch bei dir kommentieren!
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Kommentar NICHT zum Text:
Manchmal ist Schwarz-Weiss-Sehen einfach nur schön.
Pepita (anonym) - 18. Jul, 15:07
@Steppenhund
Zunächst danke ich fürs 'Erfassen lassen'...
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