'GEIST IST GEIL'
(Aus der Abteilung 'Zumutungen...')

Quelle
'Wo ich bin ist deutscher Geist', hat ein einstmals berühmter Dichter aus dem ' George-Kreis' von sich behauptet und die Tatsache, dass er dies während seines Exils auf 'Erdballs letztem Inselriff' formuliert hat, lässt die 'lächerliche' Hybris, die heute aus diesen Worten zu sprechen scheint, umso verzeihlicher erscheinen.
Was aus diesem Satz sehr wohl spricht, ist der hilflose Trotz des Dichters, der aus der geographischen Distanz Neuseelands mit ansehen muss, wie ausgerechnet der 'Deutsche Geist' zur gleichen Zeit unwiderruflich im Begriff steht, sich im Rauch der nationalsozialistischen Vernichtungslager zu verflüchtigen...
Aber spielt der Begriff des 'Geistes' heute überhaupt noch eine Rolle?
Googelt man nach ihm, so findet man - neben dem obligatorischen Wikipedia-Artikel - den Geist der Freiheit,
den Geist der Gesetze, und natürlich, neben dem 'heiligen' auch 'jenen, der stets verneint...'
Was aber hat es mit dem 'Geist' recht eigentlich auf sich?
Bleiben wir zunächst noch im zeitlichen Kontext des Exils.
Im September 1933 erscheint das erste Heft der von Klaus Mann herausgegebenen Exilzeitschrift 'DIE SAMMLUNG'. In einer programmatischen Erklärung stellt die Redaktion hierin ihren 'Willen zum Geist' dem 'Schritt des Parademarsches' im nationalsozialistischen Deutschland gegenüber.
Diese Willenserklärung nimmt der Holländer Menno ter Braak in seinem antwortenden Essay 'Geist und Freiheit' zum Anlass, sich den Begriff 'Geist' einmal näher anzuschauen und nachdrücklich auf dessen Camouflagecharakter hinzuweisen.
Zunächst weigert sich ter Braak den zitierten Gegensatz zwischen 'Geist' und 'Parademarsch' als einen inkommensurablen anzuerkennen. Unter Berufung auf Max Stirner: 'Wir sollten zwar Geist haben, aber der Geist soll uns nicht haben', demaskiert ter Braak den Glauben an die Superiorität des 'Geistes' als ein verhängnisvolles Vorurteil:
'Die Etymologie des Wortes 'Geist' beweist, daß wir es hier ursprünglich tatsächlich mit einem 'Spuk' zu tun gehabt haben, mit etwas Absonderlichem, etwas Schreckeinjagendem, mit einem dem 'corpus' imponierendem Faktor. Im Volksmund und in den primitiven Formen der Religionen kommt das 'Geistige' in der Tat noch stets in dieser Bedeutung vor, mag es auch pantheistisch verwässert aufgetischt werden. (...) Gerade wo der 'Geist' in einer sehr verdünnten Lösung serviert wird (...) ist dieser Spuk doppelt gefährlich, weil schwerer zu entlarven. Zahllose Zivilisierte, manche Skeptiker und Pessimisten eingerechnet, leben noch immer in der heiligen Überzeugung vom Primat des 'Geistigen' über dem 'Körperlichen'. (...) Den Glauben an den Geist, als etwas Erhabeneres und Tieferes findet man bei der großen Masse derer, die mit Geist umzugehen gelernt haben, als mit etwas, das ihnen fremd ist; das sie irgendwie, wie von außen her, beeinflußt; das ihnen eleusinische Ehrfurcht, Angst und auch Abscheu einflößt.'
Ich fürchte, an diesem Befund hat sich bis heute nichts wesentliches geändert... Auch in der gebräuchlichen Verbindung 'Zeitgeist' erscheint der 'Geist' eher als etwas Spukhaftes und so wenig greifbar wie die 'Zeit' selbst.
Die Frage ist, ob der Begriff 'Geist' - jenseits aller esoterischen 'Im-Drüben-Fischerei' - überhaupt noch zu einem zeitgemäßen Vokabular gehört und wenn, welche Bedeutung er heute erhalten könnte?
Der Primat des 'Geistigen' über dem bloß 'Körperlichen', den ter Braak zu recht in Frage stellt, basiert wesenhaft auf einer bewusstseinsmäßig bereits vollzogenen Trennung von 'Körper' und 'Geist'. Adorno hat in diesem Auseinanderdividieren beider einen 'Reflex der Arbeitsteilung' erkannt und ihn als einen maßgeblichen Faktor 'moderner' Entfremdungserfahrung charakterisiert...
Dabei scheint doch ein gewichtiger Indikator für das Vorhandensein von 'Geist' zu sein, dass dessen Träger das körperliche Gefühl nicht los werden, die Welt präsentiere sich ihnen als eine von 'allen guten Geistern' verlassene...!
Wenn dem Begriff des 'Geistes' heutzutage überhaupt noch eine Aufgabe zukäme, dann wäre es vielleicht die, wie ein Bluthund alle Fährten witternd aufzunehmen, die auf die Anwesenheit von MACHT deuten...
'Geist' kann per se nicht dem Machterhalt dienen, sondern bewahrheitet sich im Gegenteil nur dort, wo er die 'Macht' an sich in Frage stellt und dadurch deren Zersetzungsprozess einleitet!
Das macht den 'Geist', wie ich finde, auch heutzutage wieder zu einer ebenso lustvollen wie brauchbaren Erscheinung und deshalb möchte ich - nun endlich zu Ende kommend - allen 'guten Geistern' zurufen:
Lasst, Freunde, uns in diesem Sinn 'begeistert' sein!
'Tube'...

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'Wo ich bin ist deutscher Geist', hat ein einstmals berühmter Dichter aus dem ' George-Kreis' von sich behauptet und die Tatsache, dass er dies während seines Exils auf 'Erdballs letztem Inselriff' formuliert hat, lässt die 'lächerliche' Hybris, die heute aus diesen Worten zu sprechen scheint, umso verzeihlicher erscheinen.
Was aus diesem Satz sehr wohl spricht, ist der hilflose Trotz des Dichters, der aus der geographischen Distanz Neuseelands mit ansehen muss, wie ausgerechnet der 'Deutsche Geist' zur gleichen Zeit unwiderruflich im Begriff steht, sich im Rauch der nationalsozialistischen Vernichtungslager zu verflüchtigen...
Aber spielt der Begriff des 'Geistes' heute überhaupt noch eine Rolle?
Googelt man nach ihm, so findet man - neben dem obligatorischen Wikipedia-Artikel - den Geist der Freiheit,
den Geist der Gesetze, und natürlich, neben dem 'heiligen' auch 'jenen, der stets verneint...'
Was aber hat es mit dem 'Geist' recht eigentlich auf sich?
Bleiben wir zunächst noch im zeitlichen Kontext des Exils.
Im September 1933 erscheint das erste Heft der von Klaus Mann herausgegebenen Exilzeitschrift 'DIE SAMMLUNG'. In einer programmatischen Erklärung stellt die Redaktion hierin ihren 'Willen zum Geist' dem 'Schritt des Parademarsches' im nationalsozialistischen Deutschland gegenüber.
Diese Willenserklärung nimmt der Holländer Menno ter Braak in seinem antwortenden Essay 'Geist und Freiheit' zum Anlass, sich den Begriff 'Geist' einmal näher anzuschauen und nachdrücklich auf dessen Camouflagecharakter hinzuweisen.
Zunächst weigert sich ter Braak den zitierten Gegensatz zwischen 'Geist' und 'Parademarsch' als einen inkommensurablen anzuerkennen. Unter Berufung auf Max Stirner: 'Wir sollten zwar Geist haben, aber der Geist soll uns nicht haben', demaskiert ter Braak den Glauben an die Superiorität des 'Geistes' als ein verhängnisvolles Vorurteil:
'Die Etymologie des Wortes 'Geist' beweist, daß wir es hier ursprünglich tatsächlich mit einem 'Spuk' zu tun gehabt haben, mit etwas Absonderlichem, etwas Schreckeinjagendem, mit einem dem 'corpus' imponierendem Faktor. Im Volksmund und in den primitiven Formen der Religionen kommt das 'Geistige' in der Tat noch stets in dieser Bedeutung vor, mag es auch pantheistisch verwässert aufgetischt werden. (...) Gerade wo der 'Geist' in einer sehr verdünnten Lösung serviert wird (...) ist dieser Spuk doppelt gefährlich, weil schwerer zu entlarven. Zahllose Zivilisierte, manche Skeptiker und Pessimisten eingerechnet, leben noch immer in der heiligen Überzeugung vom Primat des 'Geistigen' über dem 'Körperlichen'. (...) Den Glauben an den Geist, als etwas Erhabeneres und Tieferes findet man bei der großen Masse derer, die mit Geist umzugehen gelernt haben, als mit etwas, das ihnen fremd ist; das sie irgendwie, wie von außen her, beeinflußt; das ihnen eleusinische Ehrfurcht, Angst und auch Abscheu einflößt.'
Ich fürchte, an diesem Befund hat sich bis heute nichts wesentliches geändert... Auch in der gebräuchlichen Verbindung 'Zeitgeist' erscheint der 'Geist' eher als etwas Spukhaftes und so wenig greifbar wie die 'Zeit' selbst.
Die Frage ist, ob der Begriff 'Geist' - jenseits aller esoterischen 'Im-Drüben-Fischerei' - überhaupt noch zu einem zeitgemäßen Vokabular gehört und wenn, welche Bedeutung er heute erhalten könnte?
Der Primat des 'Geistigen' über dem bloß 'Körperlichen', den ter Braak zu recht in Frage stellt, basiert wesenhaft auf einer bewusstseinsmäßig bereits vollzogenen Trennung von 'Körper' und 'Geist'. Adorno hat in diesem Auseinanderdividieren beider einen 'Reflex der Arbeitsteilung' erkannt und ihn als einen maßgeblichen Faktor 'moderner' Entfremdungserfahrung charakterisiert...
Dabei scheint doch ein gewichtiger Indikator für das Vorhandensein von 'Geist' zu sein, dass dessen Träger das körperliche Gefühl nicht los werden, die Welt präsentiere sich ihnen als eine von 'allen guten Geistern' verlassene...!
Wenn dem Begriff des 'Geistes' heutzutage überhaupt noch eine Aufgabe zukäme, dann wäre es vielleicht die, wie ein Bluthund alle Fährten witternd aufzunehmen, die auf die Anwesenheit von MACHT deuten...
'Geist' kann per se nicht dem Machterhalt dienen, sondern bewahrheitet sich im Gegenteil nur dort, wo er die 'Macht' an sich in Frage stellt und dadurch deren Zersetzungsprozess einleitet!
Das macht den 'Geist', wie ich finde, auch heutzutage wieder zu einer ebenso lustvollen wie brauchbaren Erscheinung und deshalb möchte ich - nun endlich zu Ende kommend - allen 'guten Geistern' zurufen:
Lasst, Freunde, uns in diesem Sinn 'begeistert' sein!
'Tube'...
walhalladada - 17. Nov, 21:06
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